FAZ Hochschulanzeiger 01.2005
Wer ins Ausland will, um seiner Karriere den entscheidenden Kick zu geben, braucht auch dort Arbeitszeugnisse zur Bewerbung. Doch was nützen die besten Leistungsnachweise, wenn sie keiner versteht? Nicht nur die Sprache ist das Problem. Italiener, Franzosen und gerade Briten oder Amerikaner haben auch andere Gepflogenheiten beim Arbeitszeugnis als Deutsche.
„He fulfilled any job to our fullest satisfaction?” In Tilo Sagers Ohren klingt mittlerweile alles falsch. „Zur vollsten Zufriedenheit“ schreibt sein Arbeitgeber im Empfehlungsbrief, doch wie läßt sich das am besten ins Englische übersetzen? Tilo hat zwei Jahre als Kontakter in einer Werbeagentur gearbeitet, jetzt will er nach London, weil seine Freundin dort lebt. Seine Englischkenntnisse sind nahezu perfekt. Schließlich telefoniert er jeden Tag mit seiner englischen Liebe, die er während eines Auslandssemesters in London kennengelernt hat. Auf Englisch zu arbeiten, traut sich der studierte Betriebswirt deshalb ohne weiteres zu.
Gemeinsam mit seiner Freundin hat er bereits seinen Lebenslauf ins Englische übertragen. Auch dabei gibt es Unterschiede zu beachten, beispielsweise verfassen ihn die Briten nicht chronologisch, sondern beginnen immer mit dem Aktuellen und gehen dann zeitlich rückwärts. Im letzten Satz des Cover Letters, also des eigentlichen Bewerbungsanschreibens,
will Tilo auf seine Arbeitszeugnisse verweisen. Doch schon allein die Bezeichnung für seine Referenzen macht ihm Probleme: reference, character reference, letter of recommendation oder testimonial. Wie heißt es nun richtig auf Englisch?
Hilfe bei solchen Fragen finden unsichere Kandidaten mittlerweile ausreichend via Internet oder persönlich bei Beratungsagenturen. Einen guten Überblick über die Gepflogenheiten eines anglo-amerikanischen Arbeitszeugnisses kann man sich beispielsweise bei dem Karrieremanager „leaderspoint“ verschaffen. Gründer Thorsten Knobbe hält die Arbeitszeugnisse für die wichtigsten Dokumente bei der Bewerbung, wichtiger noch als das Diplom. „Das Arbeitszeugnis ist zwar ein sehr deutsches Phänomen – in keinem Land ist es so institutionalisiert wie bei uns – doch wird es mittlerweile flächendeckend eingefordert“, weiß Knobbe, der mehrere Bücher zum Thema Arbeitszeugnis verfaßt hat.
Daher rät er, Arbeitszeugnisse auf keinen Fall selbst zu übersetzen. Zu groß sind die sprachlichen Fallen, aber nicht nur die. Auch beim Typus von Arbeitszeugnis, das verlangt wird, gibt es große Unterschiede: Fragt ein anglo-amerikanisches Unternehmen nach einer character reference, will es vor allem eine Beurteilung der Persönlichkeit des Bewerbers. Die Leistung steht dagegen bei der einfachen reference im Mittelpunkt. Sie kommt dem deutschen Arbeitszeugnis am nächsten und ist im Stil relativ nüchtern formuliert.