"Ehrlichkeit kann riskant sein"

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 22.04.2007

 

Jeder tut es. Ungefähr 200 Mal pro Tag. Zwar nicht immer bewusst, doch in vielen Situationen sagen die meisten nicht das, was sie denken, erzählen nicht, was sie wirklich tun. Lügen sind normal und menschlich. Auch im Arbeitsleben. Bei der Mehrheit der Unwahrheiten geht es darum, sich einen Vorteil zu verschaffen. Und das muss tun, wer auf der Karriereleiter hoch hinaus will.

 

Aber gerade da kann fehlende Ehrlichkeit zum Stolperstein werden. Nach einer vom Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft veröffentlichten Studie sehen rund 35 Prozent der befragten Führungskräfte Ehrlichkeit als sehr wichtig in ihren Arbeitsbeziehungen an. Damit steht Ehrlichkeit an vierter Stelle hinter Fachkompetenz, Verantwortungsbewusstsein und sozialer Kompetenz, aber vor Ehrgeiz, Loyalität und Mut.

 

„Ehrlichkeit ist eine absolute Grundvoraussetzung, wenn man Karriere machen will“, ist Sörge Drosten, Mitglied der Geschäftsführung der Managementberatung Kienbaum, überzeugt. Dies habe nicht nur moralische, sondern auch strategische Gründe: Als Einzelperson komme man in der Wirtschaft nicht weit. Die Unterstützung von Vorgesetzten wie Kollegen sei unabdingbar, wolle man etwas im Beruf erreichen. Drosten bevorzuge bei seinen Mitarbeitern absolute Ehrlichkeit. „Auch wenn Offenheit bisweilen unbequem sein kann, Unehrlichkeit als Karrierepuscher wird nicht funktionieren.“

 

Nicht in Halbwahrheiten verstricken: Ähnlich sieht dies Thorsten Knobbe, Partner der Personalberatung Leaderspoint in Düsseldorf. „Unehrlichkeit mag vielleicht schnelle Höhenflüge nicht bremsen. Aber irgendwann kommt dann meistens doch der Tag der Abrechnung“, sagt er. Das könne in Extremfällen zu Strafanzeigen wie unlängst bei dem Aktienskandal der WestLB führen, aber auch in weniger spektakulären Situationen handfeste negative Konsequenzen nach sich ziehen. „Die Kollegen enthalten einem Informationen vor, ein wichtiger Kunde zieht sich zurück, ein Projekt geht schief: Unehrlichkeit kann sich rächen“, beobachtet Knobbe.

 

So seien erfolgreiche Menschen häufig die, die ihre Meinung nicht verbergen und denen es zugleich gelingt, diplomatisch zu bleiben. Jemand, der sich ständig in Halbwahrheiten verstricke, habe es sehr viel schwerer, nach oben zu kommen. Es fehle ihnen an Profil. Karriere machten dagegen die Menschen, die den Kopf frei hätten, ehrlichen Mut, visionäre Kraft und Durchsetzungsfähigkeit zu entwickeln. „Allerdings ist die Frage zu stellen, ob diese Personen erfolgreich sind, weil sie ehrlich sind, oder aber ob sie sich Ehrlichkeit leisten können, weil sie Erfolg haben“, gibt er zu bedenken.

 

(Dies ist ein Textausschnitt)

 

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